Es gibt drei wichtige Aspekte des V-Modells:
In der Grafik unten sind es drei Stufen, diese ist die minimale Anzahl in den meisten Sicherheitsstandards. Für kompliziertere Systeme, z.B. ein ganzes Flugzeug können es auch viel mehr sein.
Generisches V-Modell (z.B. DO-178):
Das V-Modell hat mehrere Eltern, es wurde fast zeitgleich und unabhängig in den USA und in Deutschland in den frühewn 1980er Jahren entwickelt. Am Anfang, als man noch an fixe und unveränderliche Spezifikationen glaubte, war es als echtes Ablaufmodell gedacht. Teilweise wurde es auch mit Stage-Gate Modellen vermischt, d.h. die nächste Phase kann nur nach einer Freigabe der vorherigen Phase beginnen.
Das Problem ist hier natürlich, dass es immer Feedback Loops gibt, dass man mit Erkenntnissen einer späteren Phase oder Änderungen der übergeordneten Anforderungen die «fertiggestellten» Phasen nochmals wiedereröffnen musste. Daher macht es mehr Sinn, das V-Modell als Daten-Management-Modell anzuschauen, welches eine gewisse Sequenz sinnvoller macht, jedoch diese nicht strikt vorgibt.
Übrigens: das V-Modell gilt auch als «aufgeklappter Wasserfall». Lieder stimmt das so nicht. Das «Waterfall» Paper von Royce beinhaltet zwar auf den ersten zwei Seiten Grafiken, welche die Phasen als reine Sequenz darstellen. Auf den nächsten Seiten ist schnell Schluss damit, der Autor warnt sogar vor einem ölinearen Modell...
Das V-Modell wird in folgenden Bereichen genutzt:
Ohne V-Modell fehlt häufig eine Struktur, oder sie ist nur implizit vorhanden, was bei grossen Systemen zu riesigen «Haufen» von Anforderungen führen kann, welche schwer zu bewältigen sind.
Gesamthaft führt das V-Modell zu eher höheren Aufwänden vorab («Frontloading»), jedoch zu geringeren Aufwänden gegen Schluss der Entwicklung und vor allem bei der Wartung.
«Divide and Conquer» im V-Modell (kein Gantt-Chart mehr):
Auch wenn in vielen Quellen (z.B. V-Modell in Wikipedia) so beschrieben, macht es wenig Sinn, das V-Modell als Gantt-Chart, als Ablaufmodell aufzufassen. Es macht sehr viel mehr Sinn, das V-Modell als Daten-Management Modell, als Dokumentenstruktur zu sehen. Die Kopplung an das Projektmanagment-Modell ist nur lose, die Reihenfolge sollte vor allem von Risikoüberlegungen getrieben sein: zuerst das tun und ausprobieren, das mit den grössten Risiken behaftet ist.
Natürlich gibt das V-Modell eine gewissen natürlich eine sinnvolle Reihenfolge vor, es macht z.B. wenig Sinn Anforderungen auf niedriger Ebene freizugeben, bevor die auf höherer Ebene auch freigegeben sind. Nur sagt niemand, dass man nicht auf einer anderen Stufe etwas anfangen kann, bevor die übergeordnete «fertig» ist.
Häufig ist das Problem nicht das Modell, sondern die Organisation. Wenn derjenige, der das sagen hat (Qualität, Management, Auditor...) das Modell als reines Ablaufmodell versteht, dann kann es schwierig sein ein flexibles Projekt ohne Leerläufe durchzuführen.
Das V-Modell, welches wir intern benutzen lehnt sich stark an die Luftfahrt an. Wir haben die Architektur- und Designdokumente auch in die Traceability aufgenommen, wegen der Impact-Analyse, nicht der Coverage.
Schnittstellendokumente sind auf jeder Ebene separat von den Architektur bzw. Spezifikationsdokumenten ausgeführt. Damit lassen sich die Schnittstellenanforderungen einfach durch die Ebenen referenzieren (sonst muss man die obersten Schnittstellenanforderungen häufig bis in die unterste Ebene kopieren, was keinen Sinn macht). Man kann so verfahren, da reine Schnittstellenanforderungen ohne die Funktionalität so eh nicht testbar sind.
Tests sind in Testspezifiaktionen und Testinstruktionen aufgeteilt, die letzteren sind bei automatischen Tests der Testcode.
Dieses Modell lässt sich für alle Normen der funktionalen Sicherheit und Security anpassen, für nicht-kritische Systeme werden nicht benötigte Dokumente weggelassen, typischerweise tiefere Level («Tailoring»).
Solcept Dokumentationsmodell (vereinfacht, v.a. Traceability):
Andreas Stucki
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