Eine Anleitung zur Beurteilung von Fachkompetenz: Das Dreyfus-Modell

Wir verwenden seit einiger Zeit das Dreyfus-Modell für die Einschätzung der Kompetenz unserer Ingenieure. Ich werde öfters danach gefragt, was dieses Modell denn sei. Hier die Geschichte, wie wir auf das Modell kamen und die Version, welche wir verwenden:

Wie beurteilt man die Fähigkeiten einer Fachperson?

Dies ist die eigentliche Frage die ich mir stellte, als sich der Bedarf für Mitarbeiterbeurteilungen ergab. Nicht, damit wir Ende Jahr eine Rangliste aufstellen können, sondern vor allem, um unsere Projekte mit der richtigen Mischung von Fähigkeiten auszustatten. Der Ingenieur sollte nicht über- und möglichst auch nicht unterfordert sein.

Meine Frau arbeitet in der Pflege und unterrichtete sie ein Modell für die Beurteilung und Entwicklung von Pflegefachpersonen, das Benner-Modell. Amüsanterweise basiert dieses auf einem Modell für technische Fachpersonen, welches die Gebrüder Dreyfus 1980 für die US Air Force erstellt und später weiter entwickelt haben. Es definiert fünf Stufen, welche jede Fachperson in ihrer persönlichen Entwicklung durchläuft:
Novize - Anfänger - Kompetent - Erfahren - Experte.

Das war genau das, was ich brauchte. Die wissenschaftlichen Abhandlungen waren jedoch etwas sehr abstrakt für die praktische Anwendung. Bis ich nach einiger Suche auf dem Netz eine Version des Modells von S. Lester fand.

Wir haben es übersetzt und für unseren Gebrauch adaptiert, das Modell sieht nun so aus:

StufeKenntnisseArbeitsleistung und -qualitätSelbständigkeitBewältigung von KomplexitätVernetztes Denken
Experte
Intuitive (vorher rationale) Entscheidungsfindung
Massgebliches Wissen im Fachbereich, tiefes und breites Verständnis der PraxisHervorragende Ergebnisse für offene Aufgaben werden mit relativer Leichtigkeit erreichtFähig, die Verantwortung zu übernehmen für das Überschreiten vorhandener Standards und die Schaffung eigener InterpretationenGanzheitliches Verständnis komplexer Situationen, bewegt sich mit Leichtigkeit zwischen intuitiven und analytischen Zugängen, kann offene Probleme strukturierenSieht das Gesamtbild und alternative Ansätze, hat eine Vision was möglich wäre
Erfahren
Gesamtheitliche (vorher analytische) Bewertung des Kontextes
Tiefes Verständnis des Fachbereiches und der PraxisEinwandfreier Standard wird für offene Aufgaben routinemässig erreichtFähig, die volle Verantwortung für die eigene Arbeit zu übernehmen (und gegebenenfalls für die anderer)Handhabt komplexe Situationen ganzheitlich, sichere EntscheidungsfindungSieht das Gesamtbild und wie einzelne Handlungen sich darin einfügen
Kompetent
Erkennen (vorher keine) der Bedeutung
Gutes Grund- und Hintergrundwissen der PraxisZweckmässig Ergebnisse werden auch für offene Aufgaben erreicht, aber es kann an Verfeinerung fehlenFähig, die meisten Aufgaben mittels eigenem Urteilsvermögen zu erfüllenBewältigt komplexe Situationen durch bewusste Analyse und PlanungErkennt die Handlungen zumindest teilweise im Hinblick auf langfristige Zusammenhänge
Anfänger
Wissen im (vorher ohne Referenz zum) Kontext
Grundkenntnisse von Schlüsselaspekten der PraxisÜberschaubare Aufgaben werden wahrscheinlich zu einem akzeptablen Standard erledigtFähig, einige Schritte selbst zu erledigen, braucht aber Aufsicht für die GesamtaufgabeNimmt komplexe Situationen wahr, kann sie aber nur teilweise lösenSieht Handlungen als eine Serie von Schritten

Novize

 

Minimales oder Lehrbuchwissen, ohne es mit der Praxis zu verbindenUnwahrscheinlich, dass zufriedenstellende Leistungen ohne straffe Aufsicht erreicht werdenBraucht enge Aufsicht oder AnleitungWenig oder keine Vorstellung vom Umgang mit KomplexitätTendiert dazu, Handlungen isoliert zu betrachten

Das Schöne an der Tabelle ist, dass beobachtbares Verhalten beschrieben ist. Zusätzlich hat das Modell einen klaren Fokus auf Fähigkeiten in der Praxis, wo z.B. Lehrbuchwissen zwar notwendig, aber bei weitem nicht hinreichend ist für gute Leistung.

Der Experte kann es nicht erklären

Wer hat nicht schon erlebt, wie ein Experte zwar sofort die richtige Lösung für ein Problem benennen, aber einem Anfänger nicht erklären kann, wieso dies die richtige  Lösung ist. Auch darauf gibt das Modell eine Antwort: der Experte findet seine Lösung intuitiv, basierend auf seinem Erfahrungsschatz. Wer auf einer anderen Stufe steht, benötigt aber eine rationale Begründung, Diese kann der Experte unter Umständen erst nach längerem Nachdenken liefern.

Einsatz des Dreyfus-Modells bei Solcept

Für Ingenieure setzen wir obige Tabelle erfolgreich für Selbst- und Fremdeinschätzung in der jeweiligen Fachrolle ein. Der Konsens aus diesen Einschätzungen wird dann verwendet, um Weiterbildung und den Einsatz, d.h. die Art der Aufgabe für den Mitarbeiter zu planen.

Persönlich würde ich noch Verbesserungspotential sehen in den zwei letzten Spalten der Tabelle. Diese liessen sich wohl zu einer  zusammenlegen, da sie teilweise redundant sind.

Kennen Sie andere Modelle? Wie verwenden Sie diese?

Alle Modelle sind falsch, aber einige sind nützlich... Was denken Sie darüber?

Andreas Stucki

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